Rezensionen über TANJA LULU PLAY NERD

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GENERATION OVERCHILL: Renaissance der engagierten Emotionalität

Taschenbuch – 28. Mai 2018 von Tanja "Lulu" Play Nerd

 

Angeekelt vom Establishment des Literaturbetriebs

Rezension aus Deutschland vom 23. Juni 2018

 

Während all den Jahren in meiner Funktion als Promoter des Nahbellpreises als alternativen Lyriknobelpreis bin ich alljährlich aufs Neue begeistert von den begnadeten Preisträgern, aber dieses Jahr war etwas anders: es gab erstmals 2 Gewinnerinnen! Und darüberhinaus geschah es zum ersten Male, daß ein Gewinner sein eigenes Interview anscheinend literarisch genügend wertvoll fand, um es selber als Buch drucken zu lassen. Und zwar ausschließlich als echtes Buch, nicht als eBook! Ich bin nicht nur inhaltlich begeistert von dieser Dichterin, sondern auch von ihrer unglaublichen Power, mit der sie tagtäglich zeitgemäße krasse Kunst macht. Dieses Interview-Buch ist daher in meinen Augen ein Zeitdokument, das seine soziologische Relevanz noch im großen Rahmen erfahren wird... Wenn Lulu solche Statements bringt wie z.B. "im grunde ist doch die poesie heutzutage genauso ein megapestizidvergifteter supermarkt wie die politik: alles ist völlig tabulos erlaubt, aber nichts hat eine auswirkung auf wirklich schreckliche weltprobleme!", dann verspüre ich selber wieder die Lust, die Lyrik auf die Straße zu holen und als Politikum einzusetzen! Tanja hat noch diese ungebrochene Motivation, mit Sprache als Waffe gegen das Unrecht und die Absurditäten in der Welt anzukämpfen - und kämpft nicht nur literarisch, sondern vorallem auch in echt: "hawaii ist ja nicht nur aus psychotherapeutischen gründen balsam für diese panik in meinem havarierten herz, die ich im grunde nur durch natur und liebe besänftigt bekomme, sondern hawaii birgt auch eine vielzahl an organisationen, die von amerika rüberschwappen, hier ableger aufbauen, und wir so einiges an ideen beitragen, die vielleicht nur hier am strand ganz gechillt geboren werden können." Die Neue Feministin Play Nerd nutzt die meditative, paradiesisch anmutende Atmosphäre ihres Lebensraums, um die richtigen Worte für politische Aktionen zu kreieren, an denen sie sich anonym beteiligt, schreibt also nicht nur echte Lyrik, sondern auch sogenannte Gebrauchslyrik oder man könnte auch sagen: angewandte Poesie. Sie lebt sozusagen den Slogan "poetisiert euch" tatsächlich eins zu eins in persona! Und setzt dafür sogar die digitalen Medien der Generation Overchill sinnvoll ein, anstatt sich nur desinteressiert totzuchillen, wie es der aktuellen Jugend gerne unterstellt wird: "selbst die spiritualität wird über apps konsumiert! yogaapp, meditationsapp, spiritualbookapp: alles kommt dir digital ins haus, niemand braucht dafür in echt mehr raus! auch politik lässt sich per mausklick erledigen: petitionen werden per touchscreen signiert. touchscreen against torture!" Und trotzdem definiert sie ihre schriftstellerische Tätigkeit nicht als "engagierte Literatur" im klassischen Sinne: "als reporterin empfinde ich mich nun nicht grad, das wäre genau die veraltete engagierte politlyrik, die morgen schon hinfällig ist, wenn das thema vom tisch ist, weil sich kein geld mehr damit machen lässt." In dem Interview erfährt man einiges über Tanjas Herkunft und Entwicklung von der Slampoetin zur richtigen Autorin: "alles begann vor über zehn jahren mit dem spontanen vortrag. ich hatte ungeheuer viel spaß am performen, an dieser knisternden stimmung beim slam, wenn ich ans mikro ging, diese eisige totenstille eintrat, und ich den blick in das schwarze nichts wendete, wo sich durch das blendende scheinwerferlicht hindurch die geifernde masse befand, die nur darauf wartete, meine rede wie ein hungriges wolfsrudel zu zerfetzen oder mich wie eine göttin durch den applaus in den olymp zu heben. das war adrenalin pur! es machte süchtig!" Ihr Frust über die Entpolitisierung der jungen Generation, die nur Party und Comedy will, wird im Verlaufe des Gespräches immer deutlicher. Aber auch ihre eigene romantische Haltung, die bei ihr wohl der Hauptantrieb zu gesellschaftskritischem Aktionismus zu sein scheint, ist schon sarkastisch durchtränkt: "wenn überhaupt, dann brauchen wir ideologiefreie neue MENSCHEN, die sich nicht mehr über ihr gender klassifizieren, sondern über restlos innere werte wie liebe, wohlwollen, empathie, urvertrauen, neugier, interesse, offenheit, fürsorge, ehrlichkeit und aufrichtigkeit im umgang miteinander. weil wir menschen sind. eine große familie. wir sind alle verwandt miteinander. trump mit putin mit jinping mit macron mit kim jong mit assad mit erdogan mit kurz mit merkel mit maurer und berset." Für mich ist sie ein neuer Stern am Himmel der Lyrikszene, die sich mit ihren eigenen Worten abheben lässt von der Kritik eines Gerrit Wustmanns, was den Mangel an guten weiblichen Dichtern betrifft; denn sie ist selber "keineswegs hermetisch, wie so manche bieder-blümerante gemüsedichtung, und liest sich daher noch immer viel progressiver als das zeitgenössische preisträgerzeug der altbackenen generation von jetzt." Wer das gesamte Interview liest, ist gut vorbereitet auf eine literarisch "ehrliche" Zukunft, in der sich die Gemüsedichter warm anziehen müssen: Tanja teilt unerbittlich hart aus und lässt kein gutes Haar an den Perücken der Preisträger des Establishments, von dem sie reichlich angeekelt wirkt...

 


Leb jetzt: Wähl das Leben!

Taschenbuch – 12. März 2018 von Tanja "Lulu" Play Nerd

 

Rezension aus Deutschland vom 3. April 2018

 

Als mir Lulu ihr politisches Manifest damals im Herbst 2017 schickte, sprach sie anscheinend nicht nur mir, sondern auch vielen anderen Parteilosen aus der Seele: ihr Aufschrei verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Internet und ist den 13 danach entstandenen "echten" Gedichten in ihrem hier vorliegenden Debütband vorangestellt. Als Slampoetin ist sie mir früher nicht aufgefallen, weil ich die Szene schon lange nicht mehr beobachte, aber ihr Statement im Klappentext, daß sie wegen der "politischen Einflusslosigkeit" von Poetryslams nach Hawaii ausgewandert sei, kann ich nur allzu gut nachvollziehen! Umso politischer ist ihre eigene Lyrik, sogar an den unerwarteten Stellen: in einer bilingualen Hommage an ihre "geliebte tote mutter" schreibt sie an ihrem eigenen Geburtstag, daß die Welt "aus microsoft und mikroplastik in meinen zellen besteht" (in: birthday neuroplasticity) und verbindet damit topaktuelle Umweltkritik (Plastikstrudel in den Weltmeeren, die übers Plankton in unsere Nahrungskette gelangen) mit dystopischer Zukunftsprognose (Neurochips dank Nanotechnik in Zellen implantiert). Diese subtile Politlyrik ist eine existenziell engagierte Alltagslyrik, die vor nichts Halt macht, noch nicht einmal vor Religion und Spiritualität: "dein ganzes leben ist eine müllhalde ... du meditierst dich in ein vergiftetes scheingleichgewicht denn du liegst selber in beiden waagschalen" behauptet sie in "gedächtnisspeicher (kaputtes kulturerbe)" und wünscht sich "kleine wunder verteilt auf den ganzen planet" im Gedicht "spirituelle verwahrlosung (safari-satsang statt satori)", das sich als brutale Gesellschaftskritik entpuppt, wenn sie die Situation von Kitas so interpretiert: "die kinder verweilen in der sozialen verwahrungsanstalt bis sie diesen letzten allerletzten bissen in sich hinein würgen", was im Grunde besagt, daß unsere Kinder tagtäglich gefoltert werden durch (ich zitiere nochmal aus demselben Gedicht) "rituale ... die wir das ganze verfluchte leben lang wiederholen". Puh, das sitzt! Da ist jemand wütend. Zornig. Enttäuscht. Und nimmt kein Blatt vor den Mund. Tanja Lulu Play Nerd ist der Prototyp einer aufmüpfigen Dichterin, wie sie von der Presse seit Jahren vermisst wird: im Sommer 2017 diskutierte die Lyrikszene noch über den Mangel an starken Frauen (es gibt einige wenige, aber sie werden zu wenig beachtet!), an starken Gedichten von weiblichen Agitatoren - hier sind sie! Und selbst in einem Liebesgedicht wie "doppelsarg" (das von Fixpoetry als ein Text des Tages publiziert wurde) übt Tanja sogar metapoetologische Selbstkritik, wenn sie schreibt: "alles was mich an dir so berührt ... macht mich melancholisch und zu einer ganz schlechten dichterin" im Angesichte der Vergänglichkeit des Lebens. Das sind keine Blümchengedanken fürs Poesiealbum. Hier ist jemand BERÜHRT, ohne billige Betroffenheitslyrik zu fabrizieren. Und das ist darüber hinaus auch das Gegenteil von der Gemüsedichtung der Preisträger, die der zeitgenössischen Lyrik zu ihrem harmlosen Ruf als schöngeistiger Beschäftigungstherapie verhelfen. Es ist BERÜHRTHEITSLYRIK, Weltlyrik mit existenziellem Tiefgang! Damit ist sie eine Vertreterin der jungen Generation enttäuschter Wohlstandskinder, die jetzt tatsächlich die Welt retten wollen! Kein Wunder, daß Tanja Lulu Play Nerd nicht deshalb nach Honolulu auswandert, um untätig am Paradiesstrand zu chillen, als hätte sie ein poetisches Burnout von ihrer Verzweiflung am deutschen Literaturbetrieb - nein: sie erwähnt nur den "endlos weiten blauen himmel" am Rande (in: "weltformel"), um dann am Weltfrauentag am Beispiel einer "s(k)in beauty"-verliebten Parfümwerbung darauf hinzuweisen, daß sich die Situation von Frauen noch nicht einmal dann ändern würde, wenn der Papst weiblich wäre, weil eben Macht und Religion so funktioniert: "schaufensterpuppen mit perfektem maß während wir bei der päpstin um liebe betteln". Das ist eine mutige, zynische, radikale, und dabei poetisch sensible, stilvolle Dichtung, die das Leben an sich als parteiloses Heiligtum bejubelt und dabei abgrundtief ausspricht, wie bescheuert der Mensch ist, der seine eigene Welt mit seiner kaputten Seele zerstört. Der Gedichtband endet so ziemlich abrupt am Weltfrauentag (und erschien kurz darauf!), nachdem er mit der gescheiterten Bundestagswahl begonnen hatte, die dank der Freudschen Fehlleistung von Heimathorst in ein Männerheimatmuseum mündete. So spannt der Gedichtband ganz unerwartet nachträglich einen symbolischen Bogen, der ihn zu einer neuen feministischen Literatur verklären könnte. Aber Lulu empfindet sich keineswegs auf ihr Frausein reduziert, wenn sie in ihrem Auftaktmanifest eine Art Lebensbeichte ablegt: "LEBEN WÄHLT LEBEN! UND KEINE PARTEI! Die Programme programmieren nur! Aber das Leben sagt: SEI! ... ICH HASSE POLITIKER! UND DIE VEREINSMEIEREIEN! Ich bin nur ein Mensch! Und ich liebe das Leben! Was soll ich denn mehr als das Leben anstreben?" (in: "ALTERNAHTIEFE MEDITATION") Ich bin gespannt, was uns noch alles von dieser Slam-Aussteigerin um die Ohren gehauen wird. Ihre Gedanken sind ohrenbetäubend DIREKT, ihre poetische Umsetzung weist zart in die Wunden der Welt bohrende Töne auf. Ich kann nur in die Szenekritik der Presse einstimmen: Mehr (solcher) Dichterinnen braucht das Land!

 


Wähl das Leben!: Alternahtiefes Meditationsmanifest

Kindle Ausgabe von Tanja Play Nerd

 

Rezension aus Deutschland vom 12. November 2017

 

Am Morgen des Vortages der Bundestagswahl erreichte mich das Manifest "WÄHL DAS LEBEN!" unter der Angabe "anonyme Autorin" im Spamordner der Emailbox des Offlyrikfestivals. Später outete sich die Autorin mir gegenüber streng vertraulich und bat um meine Mithilfe bei der Verbreitung, wollte aber anonym bleiben, da sie in der Poetryslamszene "nur allzu bekannt, aber unbeliebt" sei. Da ich das Manifest einfach grandios finde, erfrischend, unschuldig, mutig, radikal, jugendlich, weise und naiv gleichermaßen und sowohl literarisch 100% flüssig als auch gesellschaftskritisch poetisch, gab ich ihr einige Starthilfe, was die digitale Werbung betrifft. Schön, daß sie sogar dieses klare, gut lesbare eBook daraus produzierte: mein Glückwunsch! Umso mehr freue ich mich als Lyriker, daß in der 2.Auflage sogar noch vier kurze authentische Gedichte hinzukamen, die mich im Tonfall an Claire Goll und Eva Strittmatter erinnern! Unabhängig davon, daß ich das Glück habe, die Autorin zu kennen und sehr zu schätzen (auch ihre slam-untypischen Slamtexte!), kann ich ihre poetische Kraft vorallem all jenen empfehlen, die der zeitgenössischen Dichtung unterstellen, sie sei unpolitisch und nur an Gemüsethemen interessiert. Wer Dichter wie Clemens Schittko und Kai Pohl interessant findet, dem wird auch der "antilyrische" Stil von ihr gefallen, die nun unter dem Pseudonym Tanja Play Nerd publiziert. Ich bin gespannt, was von ihr zukünftig abseits der Slamszene noch alles zu erwarten ist...