Erlesen

ein Geleit des Patrons A.J. Weigoni

 

Einstiegsthese: 95 % aller Autoren, die so genannte Lesungen machen, können es nicht!

Betrachten wir drei klassische Konstellationen, bei denen Literatur zum Vortrag gebracht wird:

1. Lesung mit Wasserglas. Der Klassiker, vorzugsweise an einem Tisch, auf dem auch eine Lichtquelle steht, die selbst dem blassesten Autor etwas Aura verleiht. Die weitaus meisten Autoren lesen aus ihrem Buch, so als müssten sie dadurch ihre Autorenschaft beweisen. Sie klappen ihr Werk auf, suchen umständlich eine Passage und lesen. Dies wirkt oft unfreiwillig komisch so, als würden sie diese Stelle zum ersten Mal lesen.

2. Lesung in der Schule. Das Publikum ist begrenzt auf ca. 30 Personen. Ein Lehrer gibt die Einführung. Die Art des Vortrags ist oft auch nicht wesentlich spannender als Variante eins. Was den meisten Autoren nicht bewusst ist, hier kommt ein Publikum zum ersten Mal mit Literatur in Berührung. Und oft zum letzten Mal.

3. Slam-Poetry. Im Unterschied zum Begriff Poetry Slam, der einen literarischen Vortragswettbewerb bezeichnet, ist Slam Poetry „publikumsbezogene und live performte Literatur." Dies führt dazu, dass nicht auf Inhalte, sondern auf Effekte hin gearbeitet wird. Vorteil dieser Vortragsform, die Auftritte nehmen keinen allzugrossen Zeitraum in Anspruch.

Literatur hat vorgenannte Dilettanten nicht verdient. Selbst Autoren, die erkennbar mit Problemen bei der Rezitation zu kämpfen haben, nehmen nicht Abstand, sondern kassieren weiterhin ihr „Autorenhonorar". Begründet wird dies meist dadurch, dass dies zu ihrem Lebensunterhalt beiträgt. Arthur Rimbaud war Waffenhändler, Franz Kafka Versicherungsvertreter und Gottfried Benn Arzt (wer würde nicht bei ihm in die Sprechstunde gehen?), warum ist es unter der Würde dieser „freien Schriftsteller", einer fremdbestimmten Arbeit nachzugehen?

Verdient haben nur wenige Autoren eine Anerkennung, finanziell und historisch, etwa die Kollegen von DaDa und Futurismus, der Wiener Gruppe oder den Performern von Jazz meets Lyrics. In dieser Tradition stehen die Teilnehmer des 3. OFFLYRIK-FESTIVALs am 07.07. 2017 in Düsseldorf, Maroula Blades, Kersten Flenter, Thomas Havlik, Stan Lafleur, Alexander Nitsche, Kai Pohl, Clemens Schittko, RoN Schmidt, Tom de Toys und Harald ‚Sack' Ziegler. Wer sich diesen Abend entgehen lässt, verpasst ein Stück neuerer Literaturgeschichte.