Ulrich Jösting

Die Stille währt nicht lange


Der jagende Wind brüllt, sein Groll ist groß. Auf dem Heimweg wird es dunkel. Dem Weg folge ich, bis ich einen Mann sehe, der ein tiefes Loch gräbt. Er ist ein Unbekannter. Erst drückt er mir wortlos seine Schaufel in die Hand, dann sagt er:

Na, dann zeig mal, was du kannst.“

Zäh buddele ich die halbe Zeit, bis ich endlich um Hilfe bitte. Da fängt es an zu regnen. Schritte nähern sich. Also eilt er herbei auf meinen Hilferuf. Gleich ist er bei mir, lässt den Strahl einer Taschenlampe über mich gleiten, setzt sich neben mich.

Jetzt regnet es auch noch.“

Das sage ich. Er schaut mich fragend an. Der Regen ist kalt.

Ja, ich kann nicht mehr. Ich habe Schwielen an meinen Händen“,

brumme ich ihn an, denn ich habe wirklich keine gute Laune mehr.

Dann geh doch. Nerv mich nicht.“

Er faßt meinen Arm und kneift mich. Wir lauschen beide.

Was passiert da oben?“

fragt einer von uns.

Alle sind da. Sie rammen Pfähle in die Erde. Ein Neuer ist dabei. Der tut so, als sei er hier der Boss.“

Ich staune und erhebe mich sofort. Der Unbekannte bleibt auf seiner Stelle sitzen. Mit keiner Silbe erwähne ich, wie müde ich wirklich bin. Ich klettere aus der Grube und gehe eilig bis zum Bachufer. Das Wasser schäumt und jagt dahin.

Aber der Neue!“

entfährt es mir erregt. Meine Augen beginnen zu flackern, sie brennen und ich presse den Mund zusammen. Am Geländer der kleinen Bachbrücke halte ich mich fest. Alle Wege führen über diese Brücke, weil auf dem Brückengeländer am anderen Ende jemand sitzt. Ich öffne den Gürtel meiner Hose, ziehe ihn heraus und schwinge den Gürtel wie eine Peitsche. Dass ich beobachtet werde, spüre ich. Jemand rutscht vom Brückengeländer herunter, läuft weg, verschwindet im Wald. Unter mir tost grimmig der Bach in seinem tief eingeschnittenen Bett. Blicke bohren sich in meinen Rücken. Das Holz der Brücke knarrt an einer Stelle. Ich stolpere über die Kante einer Holzplanke, der Gürtel fällt mir aus der Hand und ich keuche. Mit einer Hand greife ich ans Geländer, mit der anderen halte ich mein Hemd zu, dem die Knöpfe fehlen.

Nein, diesmal nicht“,

sage ich mir.

Jemand sitzt wieder am anderen Ende der Brücke auf dem Brückengeländer, diesmal auf der anderen Seite. Die Brücke wird immer länger über der Strömung unter mir. Ich hebe den Gürtel wieder auf, schwinge ihn und jemand rutscht vom Brückengeländer herunter, läuft weg, verschwindet im Wald. Ich beschleunige meinen Gang, aber es dauert tatsächlich noch eine ganze Weile, bis ich endlich das Ende der Brücke erreiche, wo ich die Schweißperlen auf meiner Stirn bemerke und das Zittern meiner Hände. Ich bin mir sicher, dass ich stärker bin. Diesmal bin ich auf jeden Fall stärker als er. Über den großen Fluss schallt ein mitleidiges Lachen, da sinke ich auf die Knie.

Nein, nein, nein, nun muss ich aber“,

brülle ich zurück mit einer erbarmungslosen Wut, erhebe mich und ziehe den Gürtel wieder in die Hose ein. Gierig wartet der Wald vor dem Berghang, den ich erklimmen muss, um die Hütte zu erreichen. Ich beiße die Zähne zusammen, meine Hände fühlen sich an wie Klauen, die etwas in Stücke reißen wollen. Ich muss sehen, wie ich mit diesem Verlangen zurechtkomme. Hoffentlich ahnt der Neue nichts, sonst springt der Funke über und das Feuer verschlingt uns beide. Bald lauert in einer unübersichtlichen Kehre ein Paar auf einer Holzbank. Wenn sie meinen, dass ich ahnungslos ums Wegeck komme, irren sie. Vorbereitet bin ich und erkenne den Mann, als er sich zur vollen Größe aufrichtet. Ich werde meine Freude haben an seinen Worten.

Alles versuche ich. Ich kann dich nicht auslassen. Es ist wie eine Krankheit“,

spricht er mit rauher Stimme.

Dann musst du gehen und dir an einem anderen Ort eine Arbeit suchen“,

antworte ich, spüre, dass er bleich wird, dass seine Hände schwitzen, rieche seine Angst und seine Wut.

Du willst mich wegschicken?“

Mir bleibt nichts anderes übrig, wenn du dich nicht beherrschen kannst.“

Seine beiden Ohren fehlen, sie sind abgeschnitten. In den Nasenflügeln stecken zahlreiche Ringe, sein langes Haar ist noch feucht.

Was geht dich das an?“

Ich mache mir darüber Gedanken.“

Ich will ihn stehenlassen, da greift er blitzschnell nach mir. Zu müde bin ich, um mit ihm zu kämpfen. Also nehme ich sachte seine Hand und streichle sie. An der Hand fehlt der Daumen, alle vier Finger sind beringt, seine Fingernägel schwarz lackiert.

Du gehörst mir allein. Einem anderen werde ich dich nie überlassen“,

flüstere ich. Sofort beruhigt er sich, presst keinen Fluch hervor. Sein Mann sitzt die ganze Zeit auf der Bank und schläft. Da nehme ich seinen Kopf zwischen meine Hände und küsse ihn. Wir unterhalten uns noch eine Weile, dann besinne ich mich und steige den Weg des Bergwaldes weiter hinauf, um die Hütte zu erreichen, für die ich einen Schlüssel in meiner Tasche habe. Wurzeln bäumen sich über dem Boden. Einmal bleibe ich mit einem Fuß an einer hochragenden Baumwurzel hängen und strauchele, aber ich falle nicht. Immer wieder denke ich an ihn.

Was treibt der Neue wohl?“

frage ich mich laut.

Wird er die Hand für mich ins Feuer legen?“

Bald erreiche ich den oberen Waldsaum und erstarre. In der Ferne sehe ich Schattengestalten auf dem Gipfelgrat. Sie bewegen sich ganz langsam mit den Pfählen auf ihren Schultern. Eine zunehmende Mondsichel taucht aus einer Wolke auf, steht dicht über den Gipfelzinnen der Bergkette, lässt mich wanken in meinen Vorsätzen. Ich bin aus Fleisch und Blut und es ist höchste Zeit. Ich warte stumm auf eine günstige Gelegenheit. Ich kann den Neuen nicht erspähen. Doch: Da lehnt er in der Hüttentür, lässt an einem Band den Schlüssel lässig kreisen und grinst. Jetzt habe ich Gewissheit. In den Schatten aufgestapelter Holzpfähle ducke ich mich und pirsche näher an die Hütte heran. Hinter mir reicht der Wald bis tief in den Grund des Tales hinein. Ein paar Steine lösen sich unter meinem Fuß und springen hinunter. Der Nachtwind rauscht. Zwischen den Holzscheiten sitzt ein Däumling, gehüllt in einen gelben Umhang, und spricht mich an.

Genau wie damals“,

brummt er in seinen langen Bart.

Du Blöder bist mir zu leichtsinnig. Darum sag ich dir jetzt was, dazu ringe ich mich durch, weil ich dich mag. Eigentlich.“

Werde ja nicht frech, du kleiner Winzling! Haben wir uns verstanden?“

Bäh!“ macht der Däumling und streckt mir die Zunge heraus.

Na warte, ich kriege dich“, schimpfe ich und greife nach ihm, aber er versteckt sich zwischen den Pfählen.

Hier bin ich“, höhnt der freche Däumling und hüpft auf und ab.

Krieg mich doch.“

Jetzt ist aber Schluss!“

Ich bin schneller, ätsch.“

Wieder streckt er die Zunge raus.

Hör auf!“ bestimme ich. „Ich habe keine Lust mehr. Du willst mir etwas sagen. Ich bin neugierig auf das, was du mir zu sagen hast. Ich habe das Gefühl, dass es wichtig für mich ist.“

Da hast du recht, mein Lieber.“

Also sprich, mein kleiner Freund.“

Was soll schon sein?“

Der Däumling zupft am gelben Stoff seines Umhangs, verdreht seine Augen, schmunzelt verschmitzt:

Wo das Wort doch die Tatsache ist, wo ein Grundsatz gar nichts beweist, ist alles gewollt oder nicht gewollt. Hinter jedem Wort steckt eine Richtung und ein Ziel und auch ein Interesse ist kein Interesse.“

Dass er die Augen so merkwürdig verdreht, macht mich misstrauisch. Ich entdecke darin Parallelen zu dem, was er sagt.

Gegebenheiten sind Bedeutungen sind Verallgemeinerungen sind bedeutungslos. Gegeben ist nichts. Das versteht sich doch von selbst. Der Durchschnitt ist eine Art Wahn, denn unschuldig wirst du nie sein.“

Ich wundere mich, dass ich diese Sätze höre, ich scheine auch zu verstehen, was er meint. Zwischen meinen Augen kitzelt mich etwas. Mit einer Handbewegung scheuche ich eine Fliege weg.

Du kannst es dir ja noch überlegen.“

Der Däumling zuckt mit den Schultern und verschwindet in einem Stein. Es bläst der barsche Wind, während der Morgentau mit der Nacht den Tag erzeugt. Die Hütte erreiche ich aufgeregt und kurzatmig. Sie ist leer und ich bin enttäuscht. Aber als ich mich umdrehe, steht der Neue direkt vor mir. Ich sehe weißen Speichelschaum in seinen Mundwinkeln. In seiner erhobenen Hand hält er ein Buch. Das NICHTS ist ein Gedanke. Der erscheint. Ich suche etwas, vielleicht das ultimative Urteilchen oder das Ende der Unendlichkeit. Finde jedoch NICHTS. Nur Leere. Auch in diesem Raum ist das dunkle Leuchten. Aber neben mir steht ALLES. Das ist ER. Hier und jetzt ist ER da. Das ist richtig und wahr. WÖRTERN glaube ich nicht mehr, sondern nur seinem Haar, seiner Haut, seiner Lust. Die Vorhänge sind zugezogen. Das aufgehende Sonne flimmert durch den Stoff, eine warme dämmrige Ruhe umgibt das große Bett, das wegen uns existiert. Ich sehe ihn an. Er ist wunderschön.

Leg dich aufs Bett und schließe die Augen.“

Zum ersten Mal spricht jemand hier im Zentrum des Universums. Es ist seine Stimme, die wir beide hören. Ich bin so ruhig und gelassen wie noch nie zuvor. Verflüchtigt ist die ungeduldige Gier von eben, in mir ist Zuversicht und klare Gewissheit. Ich lege mich auf das Bett, umgeben von aller Zeit der Welt. Ich nehme das Geschenk an, diesen Moment auf dem Laken, in dem ich nicht mehr suche, diesen Augenblick der Ruhe. Jetzt bin ich ganz wach. Wacher geht nicht. Und ich nehme wahr: Ich sehe, dass er DA steht. Ich beobachte ihn, wie er hörbar atmet, sein Brustkorb sich hebt und senkt.

Schau mich an, schau mir in die Augen.“

ER sieht in mich hinein. ICH bin. Wir sind. ALLES findet WIRKLICH jetzt statt. Sein Atmen, mein Schauen, das Abwarten, mein Annehmen. Unsere Ewigkeit. Genau in diesem Moment werde ich das große Werk unserer Erlösung beginnen und wir werden unsere Sehnsucht nach dem Wunderbaren erfüllen. Er berührt mich erst mit seinen Händen, streichelt meinen Hals. Mein Mund öffnet sich, aber ich spreche nicht, warte seine Anweisungen ab, genieße noch einmal diesen Blick, der mich beschwört.

Du darfst deine Hose ausziehen!“

Das mache ich und liege da auf dem Rücken, die Beine angewinkelt und gespreizt. Langsam streben seine Hände an beiden Innenseiten meiner Schenkel empor, seine Gier funkelt mich an. Sie hält meine Welt in Schwung, sie ist mein Tor zum Himmel, sie gibt mir Kraft und Mut und Hoffnung.

Seine Bewegungen sind identisch mit meinen Gedanken. Bald werden wir von Sinnen sein.

Zeig mir den Eingang zum Paradies!“

Ich weiß genau, was er damit meint. Also benutze ich meine Hände, um meine Arschbacken auseinander zu ziehen. Ich zeige ihm das ganze echte Leben, das kein Konzept benötigt, keine Theorie, keine Technik und kein ICH, sondern nur das DU, das vor mir steht. Alle Wörter lösen sich HIER auf.

Steck bitte einen Finger rein!“

Ich stöhne auf, als er den Finger langsam in mein Arschloch schiebt. Diese kleine Bewegung ist ABSOLUT wahr und schön und echt. Sie enthält alle Antworten auf alle Fragen. Ich habe keine Angst mehr, anzukommen. Ich bin DA. Er führt den Finger ein, wieder aus, ein und wieder aus. Das will ich. Das will ich so sehr. Mein Mund formt einen Kuss und es geschieht, was IMMER geschieht. ALLE Lust, jede Begierde ist in diesem Moment HIER. Und WIR sind einfach das, was geschieht. WIR sind angekommen. Es fehlt nichts. WIR TUN, WAS PASSIERT. ICH tue, was ER sagt. Jetzt will er, dass ich ganz laut stöhne. Das mache ich auf jeden Fall, als ich meine Arschbacken noch weiter auseinander ziehe.



ULRICH JÖSTING, geboren 1962, lebt immer noch in Osnabrück an der HASE