Sascha Preiß

o.T.


Hier in diesem Gefährt
mit griesgrämiger Sachlichkeit
auf der Fahrt nach egal
hab ich vergessen wann
das letzte Lächeln
deine hautenge Schweigsamkeit
durchkreuzte.

Sascha Preiß

Kopflos


Die Motoren meiner Gleichmut schnurren
hier im Walfischautomat auf Rädern in dem ich katzenstill
mich geradwegs zum Dienen ziehen lasse 
da draußen irgendwo da kreiselt wer
durch die asphaltierten Lüfte in denen sich 
Spielzeugkarusselle um Bonbonsterne drehen

Und wenn ich jetzt aus dem Fenster der S-Bahn falle
weil ich den Blick nicht wenden konnte
und mein Genick übers Gleisbett rattert
ein harter Schlaf dann

klaubt mich irgendwer zusammen und steckt
den Kopf in die Tüte mit dem Süßkram
der in Schlieren durch die Sonne floss
vom Regen schief und krumm gebogen

so käme meine Lieferung der Träume
ins Regal der letzten Atemzüge

einen Friedhof hab ich hier noch nicht gesehen
vom Himmel fehlt weiterhin jede Spur.

Sascha Preiß

Hinter den Türlidern


Als der Bus erwacht
verlieren sich
Muschelgesichter mit meinen Kinderlippen
nackt liegend am Gedächtnisstrand
angespült im Schlaf der Fahrt.

Im Ruckeln der Kabine durch den Plattenbauschacht
zogen an den Etagen zwei Drittklässler vorbei, du und ich
so kalt und feucht dein Kuss und mein Unbegreifen
gegeben mit federnder Leichtigkeit wuchs dir
die Neugier aus dem Körper überall, nur Kinderspiel
schobst mich immer wieder in den leeren engen Kasten
zog es uns von unten bis hinauf zu dir
und schmiedest Pläne was mit mir
anzufangen sei jetzt und immer

Oder dein Zimmer, so ungeheuer so wild so
aufregend wirr, liebend gern schenkte ich dir
meine Wände so kahl, der Boden geputzt und
unterstellt Mutters Aufsicht so streng aber
Unbändigkeit bei dir hauste

Und du reichtest mir, von irgendwo her
die erste Zigarette in einem Abflussrohr, stumm
im Bauschutt-Geröllgebirge hinter der Brücke
in Atemweite der Hochhäuser, Geschmack
der unerlaubten Geheimnisse, von dir
gabs weit mehr zu verraten
später.

Trüb und sachlich
in einem Fahrstuhl
den allerersten Kuss
schmecke ich schläfrig
als dem Bus die Türlider zufallen.

Sascha Preiß wurde 1976 in Erfurt geboren. Hat dort Theater gespielt und mit Freunden erste Lesungen veranstaltet. Studierte in Berlin Literatur und Medizingeschichte. War anschließend für insgesamt acht Jahre in Kasachstan, Kroatien und Russland unterwegs. Ist Mitglied im Forum Hamburger Autorinnen und Autoren sowie im writer's room. Organisiert in Hamburg die Lesereihen Sprelacart und AHAB. Veröffentlichungen in Zeitschriften, Anthologien und im Internet. Aufenthaltsstipendium der Kulturbehörde Hamburg in Millemont/Frankreich. https://pselbst.de