Karin Posth

Aus dem Zyklus: quer durchs land

© Entnommen aus dem Band: "AN DIESEM ORT, WO ALLES RAUSCHT UND SCHÄUMT"

hinter der tür mischen sich ein stöhnen ein schrei unter die geräusche des morgens ich gehe sonst nicht so früh vorbei ach der kleine tod der nachbarn in der spur der nacht und der zäsur des lichts das keine noch so kleine unebenheit verschweigt als ich an der ampel vorm übergang stehe fährt die straßenbahn ein fährt eine frau sich gekonnt durchs haar herbstpracht in leuchtend orange mit der fülle des sommers über sie verfügt eiskalt der wind

 

 

 

gott macht angst, weil es in den köpfen der menschen so viele einzige götter gibt und wofür haben sie flatrates erfunden wären die schon ein alter zopf und schnipp schnapp das schicksal sagt nicht die wahrheit lese ich beim vordermann mit weil es weicher geworden ist durch die zeit 17 uhr der tag ist schwarz straßenlichter ziehen wie laternen vorbei der mond hat im letzten moment die seite gewechselt immer das geschiss mit dem jahreswechsel lese ich weiter ein tag wie jeder im ablauf von unendlichen jahren sagt die zeit sie lässt sich beim wechsel aufs sofa fallen der vordermann liest nur die bilder und spricht scharf zu den seiten sie wagen nicht sich noch einmal umzudrehen

 

 

halbbrötchenimput sagt der hinter mir lass uns das thema mal angehen die ampeln stehen auf grün ein anderer nutzt den nächsten halt und lässt vier mal kurz die zigarette aufglühn weil ich als kind nicht ungefragt reden durfte schweige ich noch immer und schreibe was ich denke auf patrick modiano spricht mir in seiner stockholmer rede aus der seele in mehrstöckigen häusern die beleuchteten slashes der treppen und auch mal ein blaues licht vom aufzug der sich durch die schwärze nach oben zieht in frankfurt bricht hektik aus die geänderte wagenreihung verwirrt die von der arbeit gebeutelte menge sie füllt verirrt den raum ist sonst alles ok bei dir fragt der hinter mir zum zehnten mal dieses mal seine frau er gibt ihr seine wünsche fürs essen durch eine suppe genügt ich weiß du hattest auch einen hektischen tag 

 

 



Karin Posth, geboren 1945 in Marienbad, war bis zur Rente als freiberufliche Übersetzerin und Dozentin an der VHS des Oberbergischen Kreises und zuletzt als Leiterin des Beschwerdereferats bei der AachenMünchener in Köln tätig. Nach der Rente nahm sie von 2010 bis 2011 an einem Fernstudiengang "Das lyrische Schreiben" teil und schreibt seitdem Gedichte. Drei Gedichtbände sind beim Verlag Edition Art Science, St. Wolfgang, erschienen: 2013 "DER HIMMEL IST KEIN GESCHENK", 2017 "DER CODE DER NÄCHTLICHEN TRÄUME", 2018 "AN DIESEM ORT, WO ALLES RAUSCHT UND SCHÄUMT". Preisträgerin u.a. bei/beim Literaturpodium, postpoetry.NRW, Lyrischen Lorbeer, Ü70 ch Schreibwettbewerb. 2015 hat sie mit drei anderen Autorinnen die Gruppe Schellack gegründet. Seit 2016 ist sie Mitglied der Gesellschaft für Literatur NRW. 

 

Ausgewählte Websites: fixpoetry.com/autoren/literatur/karin-posth und www.editionas.net/sites/buch_lyrik76.html